Montag, 10. Juni 2013

das/die bessere // romanauszug

Abifeierlichkeiten und der dazugehörige Stress sind nicht mehr Zukunft, sondern Vergangenheit. Heißt übersetzt: Ich kann mich jetzt in Ruhe auf mein Praktikum beim Radio konzentrieren - und mich endlich wieder guten Gewissens dem Schreiben verschreiben, denn bis zum Studienbeginn hätte ich den Punkt "Roman fertigstellen" gerne abgehakt. (Wobei To-Do-Listen und ich nicht immer eine gewinnbringende Kombination sind ... )
 
Im Café sagte er, dass er die Vorstellung möge, in den Sechzigern mit den Existenzialisten in einem ebensolchen gesessen zu haben. Am Fenster, dort, wo sich die eigene Erscheinung – ganz typisch in einen schwarzen Rollkragenpullover gehüllt - mit der der vorbeieilenden Passanten überlagere.
Ich bestellte ein Stück Mohnkuchen und ein Wasser. Sein schwarzer Rundausschnitt-Pullover malte seine Augenschatten dunkel.
Die Wände waren bedeckt von Landkarten. Grün und Blau. Blau-Grau. Rote Punkte, denen es gelang, Millionen von Menschen zu repräsentieren. Gradnetze, gedachte Linien als Produkt der menschlichen Fantasie und zugleich als Erzeugnis der von Menschen geschaffenen Geographie. Kleinste Flächen detailreich vermessen – viele deutlich größere einfach vergessen. Städte und Ländernamen klangen immer verführerischer, exotischer je weiter sie von diesem Punkt im Norden Deutschlands, der mein Sein und seines und das einer weiteren Millionen Menschen auf die Fläche, die kleiner als ein einziger Quadratzentimeter war, komprimierte, entfernt waren. Weit gereist war ich nie. Nie in meinem Leben. Deutschland war stets höchstens eine Staatsgrenze entfernt gewesen, egal, ob von der Bretagne, der italienischen Adriaküste oder von der Stadt aus betrachtet, an deren Saum Kattegat und Skagerrak aufeinander einpeitschten.
Doch Horizonterweiterung benötigte keine vierstellige, gar fünfstellige Anzahl an Kilometern, die jede Zelle, jedes einzelne Atom des Körpers auf Luft-, See- oder Landweg zurückgelegt hatte, sondern funktionierte auch in einem Hamburger Café.
Die Voraussetzungen jedoch ähnelten sich: Mut war gefragt, benötigt und essenziell – ebenso ein Plan.
„Wie würdest du dich selbst mit drei Worten beschreiben?", fragte ich.
„Auf der Suche", antwortete er und seine Mundwinkel zogen sich in einem Anflug von Selbstironie, die ich nicht zu handhaben wusste, unmerklich nach oben.
„Wonach?"
„Nach dem Besseren, schätze ich."
Ich fragte mich ungewollt, ob ich dazu befähigt war, das Bessere zu verkörpern. Oder eher: die Bessere.
 
 

2 Kommentare:

  1. Ich hoffe ich kann diesen Roman eines Tages lesen! :)

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  2. Ich bewundere und liebe deinen Schreibstil und freue mich jedes Mal so sehr, wieder so etwas von dir zu lesen.

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