Dienstag, 28. Mai 2013

sehnsuchtssommer, der, pl. die sehnsuchtssommer

Es ist vorbei, Maimond. Am Morgen philosophierte ich mich um Kopf und (Bubi-)Kragen, um am Abend zu erfahren, dass sich die Nervosität, das exzessive Lernen samt exzessivem Cookies-Eis-Konsum und die acht Euro, die ich für den dtv-Atlas "Philosophie" gezahlt habe, gelohnt haben. 15 Punkte. Erst eine bloße Zahl, später eine klare Erkenntnis - und das unter dem Einfluss von Rotwein und rotem Sekt.
 
Vor dem Fenster regnet es. Rein theoretisch wären 24 ° angemessen. Hinter dem Glas sind es möglicherweise nicht einmal 14°. Regentropfen. Das Kapitel "Schule" in Schönschrift und mit einem Happy End beendet. Punkt. Und umblättern. An dieser Stelle beginnen sich die Lebenslinien, die jahrelang parallel verliefen, voneinander zu entfernen - in den Sommer 2013 hinein.
Der Sommer, von dem man den Rest seines Lebens zehren sollte.
Vor dem Fenster sieht dieser aber weder nach einem "Baby-trifft-Johnny-Sommer" noch nach einem "Baby, put on heart shaped sunglasses, cause we're gonna take a ride-Sommer" aus. Ein Sommer, dessen Farbe zwischen Himbeere, Erdbeere und Wassermelone changiert, dessen Geruch dem von Sonnenmilch gleicht und der nach plötzlichem Regen auf warmem Asphalt schmeckt. Ein Sommer, in dem die Kleider nicht kurz und bunt genug und die Abende nicht lang und warm genug sein können. Die Anzahl der Marmeladenglasmomente steigt proportional zur Anzahl der Sonnenstunden. (Insofern ist es sogar ganz positiv zu bewerten, dass der kühle Maiwind die grauen Wolken über den Himmel treibt.) Irgendwo gefangen zwischen Vergangenheit und Zukunft, gilt die Tatsache, jung zu sein, als universale Rechtfertigung für alles.
Die Frage nach dem Gelingen oder Misslingen wird schließlich nur zu Schul- oder Studienzeiten gestellt. Also auf!
 
 
Favoriten im Mai waren: (1) der silberne Armreif aus dem ebenso süßen wie versteckten indischen Laden, (2) die perfekte Jeans mit Blumenmuster und der noch perfektere Pullover, der Spitze und Strick vereint (beides H&M), (3) der verschollen geglaubte und nach dazu längst ungültige Globus  und (4) Lichtblicke. ♥ 
 

Sonntag, 12. Mai 2013

drei-minuten-haarband, das, pl. die drei-minuten-haarbänder

Als ich am 1. November 2011 auf dem Friseurstuhl saß, trennte ich mich nicht nur von gut 30 Zentimeter Haar, sondern auch von der Option auf hippe Flechtfrisuren und hippieske Lockenmähnen. Bei vollem Bewusstsein und ohne anschließende Reue - es gibt Nächte, die anders enden. Seitdem bin ich glückliche Bobträgerin - und meine Freude darüber wird (neben der Tatsache, dass zweifelhafte Studien alle 3,5 Monate hervorbringen, dass Männer langes Haar attraktiver finden) nur davon getrübt, dass die Frisurinspirationen in Zeitschriften für mich ausnahmslos nutzlos sind. Liebe Beauty-Redakteurinnen: Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass man - unruhiger Schlaf sei dank -  sowieso jeden Morgen erlebt, dass physische Gesetze außer Kraft gesetzt wurden, sind kurze Haare ganz schön wandelhaft.
Solange man das Zauberwort kennt.
Es hat mehr als fünf Buchstaben (und deutlich mehr als fünf Varianten) und heißt: Haaraccessoire.
 
 
Mein momentan liebstes Accessoire ist selbstgemacht. Aus drei Zutaten, die nur wenig mehr als drei Euro kosten. Innerhalb von drei Minuten. Und ich mag es so gerne, dass ich es mittlerweise dreimal ausgeführt habe. Auf dem Stoffmarkt habe ich die silberne Paillettenborte gekauft, bei dm einen Haarreif. Alleskleber fügt zusammen, was zusammen gehört. (Nein, damit sind nicht die Fingerkuppen gemeint!) Ganz abgesehen davon ein relativ idiotensicheres Do-it-yourself-Projekt, das ich sicherlich bald auch mal mit Spitzenband ausprobieren werde. Wie gefällt es euch? ♥
 
 

Sonntag, 5. Mai 2013

sparflammen-selbstverwirklichung, die

2003. Eine Drittklässlerin wartet mit ihrem Sandkastenfreund und Seit-dem-ersten-Schultag-Sitznachbarn an der Ampel und erklärt ihm, dass sie, wenn sie groß ist, auf jeden Fall Schriftstellerin (sie sagt „Nachfolgerin Astrid Lindgrens“) wird.
Er findet es gut. Er findet sie gut.
Ihr Haar, hellblond wie Kornähren, ist zu zwei Zöpfen geflochten, die ebenfalls an Kornähren erinnern. Gut, dass sie das mit dem Heiraten schon zwischen Sandspielzeug und Bauklötzen schon abgesprochen, sich einander versprochen, haben.
Die Ampel springt um. Ein grünes, laufendes Männchen ermutigt zum Überqueren der Straße.
Sie lächelt. Alles in Ordnung.
 
2013. Eine Dreizehntklässlerin pendelt zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Gar nichts ist in Ordnung.
In der Küche bereitet sie einen Couscous-Salat vor. Im Wohnzimmer ihr restliches Leben.
Es ist ein sonniger, vogelstimmenerfüllter Donnerstagvormittag im Frühling. Sie hat drei Freistunden. Es werden die letzten ihrer Schulzeit sein. Woher sie das weiß? Nun ja, die Schulzeit ist fast vorüber. Der Sandkastenfreund und Seit-der-fünften-Klasse-nicht-mehr-Sitznachbar befindet sich längst sehr viel weiter südlich in Deutschland.
Ihr Haar ist nachgedunkelt – ihre Zukunftsaussichten sind es ebenfalls. Eigentlich war alles klar, geplant, durchdacht zumindest am Anfang der Oberstufe, als Abitur noch wie eine fremde Vokabel aus dem nie gehabten Lateinunterricht klang. Es hatte doch alles Sinn gemacht. Rationalität und Pragmatismus konkurrieren um ihren zweiten Vornamen. Nie hat sie sich in Leidenschaften verloren. Nie hat sie im Kino geweint – nicht einmal als Kind bei „Bambi“. Doch in diesem Moment dämmert ihr eine jahrealte Erinnerung - und der Verdacht, dass das, was sie sich als Selbstverwirklichung anrechnet, nur auf Sparflamme brennt.
Sie weiß, warum.
Wenn sie ihre Träume auf Sparflamme vor sich hin flackern lässt, läuft sie nicht Gefahr irgendwann den rauchenden (Brand-)Ruinen ihres Lebens gegenüberzustehen.
Sie geht auf und ab. Klickt sich durch Seiten, Städte, Studiengänge. Sie weiß, was sie will. Selbstverwirklichung statt Sicherheit. Keine akribisch genauen Pro-Contra-Listen, sondern ihr Bauchgefühl als Entscheidungshilfe.
Trotz Salz, Pfeffer, Zitrone und Tomatenmark schmeckt der Couscous-Salat fad.
Mit ihrem Leben soll ihr das nicht so ergehen. Beschließt sie. Und beschließt etwas. ♥