Samstag, 8. Juni 2013

(diy) das abiballkleid

Sommer 2070. Der Schaukelstuhl wippt. "Oma, erzähl doch was von deinem Abiball!" 
Der Schaukelstuhl wippt weiter. Beschwingter. 
Womit sie anfangen solle? Beim selbstgeschneiderten Kleid aus grüner Seide, das mehr Stoff, Zeit und Nervenzusammenbrüche als erwartet eingefordert hatte? Die letzte Naht gut 48 Stunden vor dem Ball genäht, die letzte Naht gut eine Stunde vor Ballbeginn ausgebügelt. Zusammen mit Glitzerhaarband, Retro-Clutch und Wasserwelle habe sich ein Zwanziger-Jahre-Look ergeben. (Wobei damit keinesfalls die Zwanziger-Jahre gemeint seien, in denen Google die perfektionierte Version seiner Datenbrille auf den Markt geworfen hatte.) Man habe getanzt, geweint, gelacht und eine wirklich gute Zeit gehabt. Irgendwann Tanzparkett unter nackten Füßen. Rotwein im Blut und blutroter Lippenstift am Weinglas. Melancholie und Wangenküsse. Schöne letzte Worte. Pures Vermissen. Um 2:57 h als alle auf der Tanzfläche gestanden und mehr oder minder schön "Angels" von dem damals sehr bekannten Sänger Robbie Williams gesungen hatten, habe sie den Sinn der Redewendung "mit einem lachenden und einem weinenden Auge" nicht nur begriffen. Sondern auch gelebt.  
 

Ach, und die Schreibmaschine, die noch immer auf ihrem Tisch stehe, die habe sie am selben Tag geschenkt bekommen. Ganz unverhofft. Monate zuvor habe sie die Konjunktivkonstruktion "hätte gerne" mit dem Nomen "Schreibmaschine" und dem Adjektiv "alt" kombiniert - ohne jegliche Absichten oder Aufforderungen. Und auf einmal habe die Schreibmaschine auf dem dazugehörigen Schreibtisch gestanden. Im Übrigen ein Relikt der Zwanzigerjahre. Nein, nicht denen mit der Datenbrille.   
 
(Glitzerhaarband und Clutch sind von Bijou Brigitte und die Schuhe von Zara.) ♥ 

Dienstag, 28. Mai 2013

sehnsuchtssommer, der, pl. die sehnsuchtssommer

Es ist vorbei, Maimond. Am Morgen philosophierte ich mich um Kopf und (Bubi-)Kragen, um am Abend zu erfahren, dass sich die Nervosität, das exzessive Lernen samt exzessivem Cookies-Eis-Konsum und die acht Euro, die ich für den dtv-Atlas "Philosophie" gezahlt habe, gelohnt haben. 15 Punkte. Erst eine bloße Zahl, später eine klare Erkenntnis - und das unter dem Einfluss von Rotwein und rotem Sekt.
 
Vor dem Fenster regnet es. Rein theoretisch wären 24 ° angemessen. Hinter dem Glas sind es möglicherweise nicht einmal 14°. Regentropfen. Das Kapitel "Schule" in Schönschrift und mit einem Happy End beendet. Punkt. Und umblättern. An dieser Stelle beginnen sich die Lebenslinien, die jahrelang parallel verliefen, voneinander zu entfernen - in den Sommer 2013 hinein.
Der Sommer, von dem man den Rest seines Lebens zehren sollte.
Vor dem Fenster sieht dieser aber weder nach einem "Baby-trifft-Johnny-Sommer" noch nach einem "Baby, put on heart shaped sunglasses, cause we're gonna take a ride-Sommer" aus. Ein Sommer, dessen Farbe zwischen Himbeere, Erdbeere und Wassermelone changiert, dessen Geruch dem von Sonnenmilch gleicht und der nach plötzlichem Regen auf warmem Asphalt schmeckt. Ein Sommer, in dem die Kleider nicht kurz und bunt genug und die Abende nicht lang und warm genug sein können. Die Anzahl der Marmeladenglasmomente steigt proportional zur Anzahl der Sonnenstunden. (Insofern ist es sogar ganz positiv zu bewerten, dass der kühle Maiwind die grauen Wolken über den Himmel treibt.) Irgendwo gefangen zwischen Vergangenheit und Zukunft, gilt die Tatsache, jung zu sein, als universale Rechtfertigung für alles.
Die Frage nach dem Gelingen oder Misslingen wird schließlich nur zu Schul- oder Studienzeiten gestellt. Also auf!
 
 
Favoriten im Mai waren: (1) der silberne Armreif aus dem ebenso süßen wie versteckten indischen Laden, (2) die perfekte Jeans mit Blumenmuster und der noch perfektere Pullover, der Spitze und Strick vereint (beides H&M), (3) der verschollen geglaubte und nach dazu längst ungültige Globus  und (4) Lichtblicke. ♥ 
 

Sonntag, 12. Mai 2013

drei-minuten-haarband, das, pl. die drei-minuten-haarbänder

Als ich am 1. November 2011 auf dem Friseurstuhl saß, trennte ich mich nicht nur von gut 30 Zentimeter Haar, sondern auch von der Option auf hippe Flechtfrisuren und hippieske Lockenmähnen. Bei vollem Bewusstsein und ohne anschließende Reue - es gibt Nächte, die anders enden. Seitdem bin ich glückliche Bobträgerin - und meine Freude darüber wird (neben der Tatsache, dass zweifelhafte Studien alle 3,5 Monate hervorbringen, dass Männer langes Haar attraktiver finden) nur davon getrübt, dass die Frisurinspirationen in Zeitschriften für mich ausnahmslos nutzlos sind. Liebe Beauty-Redakteurinnen: Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass man - unruhiger Schlaf sei dank -  sowieso jeden Morgen erlebt, dass physische Gesetze außer Kraft gesetzt wurden, sind kurze Haare ganz schön wandelhaft.
Solange man das Zauberwort kennt.
Es hat mehr als fünf Buchstaben (und deutlich mehr als fünf Varianten) und heißt: Haaraccessoire.
 
 
Mein momentan liebstes Accessoire ist selbstgemacht. Aus drei Zutaten, die nur wenig mehr als drei Euro kosten. Innerhalb von drei Minuten. Und ich mag es so gerne, dass ich es mittlerweise dreimal ausgeführt habe. Auf dem Stoffmarkt habe ich die silberne Paillettenborte gekauft, bei dm einen Haarreif. Alleskleber fügt zusammen, was zusammen gehört. (Nein, damit sind nicht die Fingerkuppen gemeint!) Ganz abgesehen davon ein relativ idiotensicheres Do-it-yourself-Projekt, das ich sicherlich bald auch mal mit Spitzenband ausprobieren werde. Wie gefällt es euch? ♥
 
 

Sonntag, 5. Mai 2013

sparflammen-selbstverwirklichung, die

2003. Eine Drittklässlerin wartet mit ihrem Sandkastenfreund und Seit-dem-ersten-Schultag-Sitznachbarn an der Ampel und erklärt ihm, dass sie, wenn sie groß ist, auf jeden Fall Schriftstellerin (sie sagt „Nachfolgerin Astrid Lindgrens“) wird.
Er findet es gut. Er findet sie gut.
Ihr Haar, hellblond wie Kornähren, ist zu zwei Zöpfen geflochten, die ebenfalls an Kornähren erinnern. Gut, dass sie das mit dem Heiraten schon zwischen Sandspielzeug und Bauklötzen schon abgesprochen, sich einander versprochen, haben.
Die Ampel springt um. Ein grünes, laufendes Männchen ermutigt zum Überqueren der Straße.
Sie lächelt. Alles in Ordnung.
 
2013. Eine Dreizehntklässlerin pendelt zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Gar nichts ist in Ordnung.
In der Küche bereitet sie einen Couscous-Salat vor. Im Wohnzimmer ihr restliches Leben.
Es ist ein sonniger, vogelstimmenerfüllter Donnerstagvormittag im Frühling. Sie hat drei Freistunden. Es werden die letzten ihrer Schulzeit sein. Woher sie das weiß? Nun ja, die Schulzeit ist fast vorüber. Der Sandkastenfreund und Seit-der-fünften-Klasse-nicht-mehr-Sitznachbar befindet sich längst sehr viel weiter südlich in Deutschland.
Ihr Haar ist nachgedunkelt – ihre Zukunftsaussichten sind es ebenfalls. Eigentlich war alles klar, geplant, durchdacht zumindest am Anfang der Oberstufe, als Abitur noch wie eine fremde Vokabel aus dem nie gehabten Lateinunterricht klang. Es hatte doch alles Sinn gemacht. Rationalität und Pragmatismus konkurrieren um ihren zweiten Vornamen. Nie hat sie sich in Leidenschaften verloren. Nie hat sie im Kino geweint – nicht einmal als Kind bei „Bambi“. Doch in diesem Moment dämmert ihr eine jahrealte Erinnerung - und der Verdacht, dass das, was sie sich als Selbstverwirklichung anrechnet, nur auf Sparflamme brennt.
Sie weiß, warum.
Wenn sie ihre Träume auf Sparflamme vor sich hin flackern lässt, läuft sie nicht Gefahr irgendwann den rauchenden (Brand-)Ruinen ihres Lebens gegenüberzustehen.
Sie geht auf und ab. Klickt sich durch Seiten, Städte, Studiengänge. Sie weiß, was sie will. Selbstverwirklichung statt Sicherheit. Keine akribisch genauen Pro-Contra-Listen, sondern ihr Bauchgefühl als Entscheidungshilfe.
Trotz Salz, Pfeffer, Zitrone und Tomatenmark schmeckt der Couscous-Salat fad.
Mit ihrem Leben soll ihr das nicht so ergehen. Beschließt sie. Und beschließt etwas. ♥
 
 

Sonntag, 28. April 2013

monatsrückblick: april

Gelegentlich habe ich Sinnkrisen. Siebensekündige Sinnkrisen, verursacht von fehlendem Naturjoghurt im Kühlschrank, nervtötenden, druckertinte-verschwendenden Promitrennungen oder  Nagellacken, die verschweigen, dass long-lasting eine Zeitspanne von 24 Stunden Nichtstun oder die eines Abwasches umspannt. Aber auch, als ich mich mit der festen Absicht an den Laptop setzte, einen schönen April-Rückblick zu basteln, kam es zu einer Sinnkrise. (Oder auch: Schreibblogade). Warum? Weil sich dieser April nicht so einfach in Worte fassen lässt. Probiert habe ich es trotzdem. Schreiberinnen können einfach nicht anders.
Daumen hoch: Übergangsverliebtheit (und die Tatsache, dass der dazugehörige Post gruselig oft angeklickt wurde), Penne mit getrockneten Tomaten und Fetakäse - und liebe Worte von Lena.
 
Daumen runter für Zufallsbekanntschaften im Lieblingscafé, die Schwarzfahren als korrekte Fortbewegungsmethode propagieren (Nein, ich trage das Bubikragenkleidchen nicht nur aus modischen Gründen, ich bin tatsächlich brav und anständig!)  
 
Den Am-weitesten-Weg-von-Zuhause-Moment erlebte ich in der Bundeshauptstadt Berlin. Im Oktober geht es wieder dorthin. Schnellstmöglich gebucht, weil es mir so gut gefallen hat? Nein, gewonnen - mit einem Flyer über autofreie Sonntage.
 
Gelesen wurde neben "Nullzeit" von Juli Zeh (die Frau schreibt absolut abgöttisch!) "Der Ekel" von Jean-Paul Sartre (der Mann schreibt relativ abgöttisch!).
 
Der Kauf des Monats: Selbst wenn der Studienbeginn noch eine mündliche Prüfung, ein dreimonatiges Praktikum und zwei Urlaube entfernt liegt, bin ich bereits im Besitz des zweitwichtigsten Campus-Musthaves (neben dem notwendigen Abiturschnitt), nämlich im Besitz der perfekten Tasche. Kleiderkreisel sei dank.
 
Was man im April getan haben sollte: Raus. Ins. Grüne. Punkt.

"Kunstwerk" des Monats ist schätzungsweise die Fotoserie "Schwarz-Weiß-Denken", die allerletztes - und mit 15 Punkten auch allerbestes - Kunstprojekt meiner Schullaufbahn war.
 
Pläne für den Mai: Kleider ohne Strumpfhosen tragen, das mündliche Abitur würdevoll überleben - und den Frozen Yoghurt-Laden ausprobieren, der in Kiel eröffnet hat.
 
Wie war euer April? ♥

Freitag, 19. April 2013

übergangsverliebtheit, die, pl. -

Du bist nicht Grund meiner schlaflosen Nächte. Aber Traum meiner wachen Tage.
Bist keiner, für den das Herz dreihundertmal in einer einzigen Sekunde schlägt. Es behält seine Frequenz bei. Unerwähnt bleiben sollte aber nicht, dass es schöner, lebendiger, beständiger pocht.
 
Du bist das unerwartete wie unerklärbare Kilogramm weniger auf der Waage.
Das ansonsten eher unkommerzielle Lieblingslied - unerwartet wie unerklärbar - im Radio.
Wahlweise das große Schokoladenstück im Eis, das aufrichtige Kompliment oder auch der glückliche Zufall, der Freistunden an die richtige Stelle verlegt, minzfarbene Sommerpullover an der Vero Moda-Kasse um fünfzig Prozent reduziert oder Ampelschaltungen zum eigenen Vorteil manipuliert.


Schwarze Tage kannst du farbig gestalten - bunte Tage aber nicht ruinieren.
Mir gut- , aber nicht wehtun.
Lang gedacht, kurz gesagt: Ich bin übergangsverliebt. Pflege eine fein archivierte - und langsam unübersichtliche - Sammlung an Dialogen, Bildern und Momenten in meiner Erinnerung. Sehe dich an, sehe dabei in dir einen Richtigen, wenn auch nicht den Richtigen. Schweige mich aus. Denn: Philosophen tendieren zur Behauptung, dass sich die Vollkommenheit nur im Inexistenten, Ideellen finden kann.
Das ist in Ordnung. Ebenso, wie es meine Gefühlswelt ist und auch bleibt, solange - sowohl alles als auch wir - bleibt und bleiben. "Solange" - so nennt sich der Haken, der dieses "Friedlich-und-zugleich-vernünftig-Verliebtsein" mit der Zeit aufschlitzt und dann ausbluten lässt. Das Blut - klebrig, süß und rot, mit Erdbeermarmelade am ehesten zu vergleichen.
Fakt ist: Übergangsverliebtheit endet nicht in der Ewigkeit.
Tut sie nicht, will sie nicht und sollte sie nicht, denn sie versüßt das - gelegentlich saure, schale, seltener: bittere - Singleleben. Im Übrigen fast noch mehr als Schokoladeneis oder Lustkäufe - egal ob unverhofft (kalorien-)reduziert oder nicht.
 
Ist es nicht herrlich den Frühling zu sehen, zu hören und zu riechen? Passend zur Jahreszeit gibt es einen nicht ganz kitschfreien Text über etwas, von dem ich gerne wüsste, ob es ein weit verbreitetes Phänomen ist. Habt ein schönes Wochenende. ♥
 
   

Samstag, 13. April 2013

berlin - fototagebuch.

Wenn sich Straßenbahnschienen unter den Schuhsohlen befinden und man bei der Suche nach dem perfekten Abiballschuh nur das Problem hat, dass man sich zwischen drei potenziell perfekten Paaren nicht entscheiden kann, befindet man sich (sofern man die deutsche Staatsgrenze nicht passiert hat) höchstwahrscheinlich in Berlin.

Genau dort bin ich bis zum Dienstag gewesen - und wieder einmal hat sich mein Eindruck bestätigt, dass ich eigentlich in die Großstadt gehöre - wenn auch nicht unbedingt nach Berlin. Ihr wollt überzeugende Argumente? Hier stellvertretend zwei von zweitausend.
(1) Für mich ist der U-Bahn-Plan mehr als nur ein abstraktes Kunstwerk, das sich aus bunten Linien,die sich gelegentlich überkreuzen, zusammensetzt. Nicht umsonst vertraut man (man = Familie, aber auch Freunde) in Großstädten stets auf meine scheinbar sehr exotische Fähigkeit, Karten und Pläne lesen zu können.
(2) "Metropole" ist für mich ein Synonym für "Dauerinspiration". Ganz ehrlich? Würde ich in einer Großstadt leben, würde ich wöchentlich im Durchschnitt 4 Blogposts, 1,5 Essays und 0,125 Romane schreiben. (Und wohl gar nicht mehr schlafen.)
 
 
Was man in Berlin gemacht haben sollte? Mein persönliches Highlight war der Flohmarkt am Boxhagener Platz in Friedrichshain, nahe der U-Bahnstation Samariterstraße. Warum? Darum:
Perfekter Sonntagmittag = Flohmarktbummel + 2 Euro für ein Paar wunderbar kitschiger Ohrringe + Sonne² + ein anschließendes Chiabatta im "Weder gestern noch morgen". Sehr empfehlenswert!
 

Aber auch die typischen Sehenswürdigkeiten blieben nicht ungewürdigt - der Fernsehturm drängt sich dem Berlintouristen mit seiner 368 Meter hohen Präsenz ja geradezu auf und hat sich daher auch auf das eine oder andere Foto verirrt. Auch der stillgelegte Flughafen Tempelhof ist durchaus einen Besuch wert. Ihr seht, auch wenn man eine Flugzeuglandebahn unter den Schuhsohlen hat, befindet man sich höchstwahrscheinlich in Berlin!

Wie gefällt euch Berlin?
Und noch eine ganz andere Frage: Könnt ihr mir gute Fotografie-/Text-/Lifestyle-Blogs empfehlen? (Ich habe seit so langer Zeit keine neuen Blogs mehr zu meiner Leseliste addiert und würde das gerne ändern) ♥