Sommer 2070. Der Schaukelstuhl wippt. "Oma, erzähl doch was von deinem Abiball!"
Der Schaukelstuhl wippt weiter. Beschwingter.
Womit sie anfangen solle? Beim selbstgeschneiderten Kleid aus grüner Seide, das mehr Stoff, Zeit und Nervenzusammenbrüche als erwartet eingefordert hatte? Die letzte Naht gut 48 Stunden vor dem Ball genäht, die letzte Naht gut eine Stunde vor Ballbeginn ausgebügelt. Zusammen mit Glitzerhaarband, Retro-Clutch und Wasserwelle habe sich ein Zwanziger-Jahre-Look ergeben. (Wobei damit keinesfalls die Zwanziger-Jahre gemeint seien, in denen Google die perfektionierte Version seiner Datenbrille auf den Markt geworfen hatte.) Man habe getanzt, geweint, gelacht und eine wirklich gute Zeit gehabt. Irgendwann Tanzparkett unter nackten Füßen. Rotwein im Blut und blutroter Lippenstift am Weinglas. Melancholie und Wangenküsse. Schöne letzte Worte. Pures Vermissen. Um 2:57 h als alle auf der Tanzfläche gestanden und mehr oder minder schön "Angels" von dem damals sehr bekannten Sänger Robbie Williams gesungen hatten, habe sie den Sinn der Redewendung "mit einem lachenden und einem weinenden Auge" nicht nur begriffen. Sondern auch gelebt.
Ach, und die Schreibmaschine, die noch immer auf ihrem Tisch stehe, die habe sie am selben Tag geschenkt bekommen. Ganz unverhofft. Monate zuvor habe sie die Konjunktivkonstruktion "hätte gerne" mit dem Nomen "Schreibmaschine" und dem Adjektiv "alt" kombiniert - ohne jegliche Absichten oder Aufforderungen. Und auf einmal habe die Schreibmaschine auf dem dazugehörigen Schreibtisch gestanden. Im Übrigen ein Relikt der Zwanzigerjahre. Nein, nicht denen mit der Datenbrille.
(Glitzerhaarband und Clutch sind von Bijou Brigitte und die Schuhe von Zara.) ♥
















